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„Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“

Psalm 145, 15

Am ersten Sonntag im Oktober ist Dankbarkeit angesagt. Wir haben genug zu essen, Gott gibt uns, was wir zum Leben brauchen. Tut er das wirklich? – Mag der eine oder die andere zurückfragen. Da ist Corona – die letzten anderthalb Jahre haben ihre Spuren hinterlassen und niemand weiß wirklich, wie es jetzt weitergeht. Da sind die Folgen der Flutkatastrophe – Menschen haben buchstäblich alles verloren. Da sind die Berichte von Hunger und Krieg aus vielen Teilen unserer Welt. Sorgt Gott wirklich so gut für uns alle?

Ich erinnere mich an Gespräche mit älteren Gemeindegliedern aus Mylau und Friesen vor einigen Jahren. Wir haben den Gottesdienst zum Erntedankfest vorbereitet und ich habe nach Erinnerungen an Hunger und Not gefragt. Was ich zu hören bekam, hat mich sehr berührt – hier nur einige wenige Beispiele: „Zur Konfirmation habe ich mir beim Bäcker drei Dreipfundbrote abholen dürfen. Mein schönstes Geschenk!“„Ich habe nur zwei bekommen. Aber das war ein Schatz!“„Wir haben beim Bauern geholfen. Dann haben wir etwas zu essen bekommen.“„Wir haben aus rohen Kartoffeln eine Art Schlagsahne gemacht. Das musste furchtbar lange gerührt werden. Dann war das eine große Menge luftiger Masse und man hatte nach dem Essen wenigstens das Gefühl, satt zu sein.“„Gefroren haben wir auch, denn es gab ja kein Brennmaterial. Oft haben wir uns schon am Tag in die Betten gelegt, damit es uns nicht so kalt war.“„Bei uns wurde das Brot in einer Schachtel eingeschlossen. Mein Bruder hat einmal die Scharniere hinten an der Schachtel geöffnet und eine Scheibe Brot genommen, weil er so furchtbar hungrig war.“„Oft hat meine Mutter uns noch etwas abgegeben und dann kaum etwas für sich selbst zu essen gehabt.“

Es klingt unvorstellbar – aber so ist es gewesen. Und bei allen Fragen und Problemen auch in unserem Land: Wir haben genug zu essen. Wir haben Häuser und Wohnungen. Wir haben etwas anzuziehen. Es ist Frieden in unserem Land. Wir leben in Freiheit. Wir dürfen wählen. Ich finde es wichtig, nicht immer zuerst das zu sehen, was uns fehlt, sondern wahrzunehmen, was wir haben. Und uns dafür auch gelegentlich zu bedanken – es ist nicht selbstverständlich. Und dann zu überlegen, was wir tun könnten, damit Ungerechtigkeiten ein Ende finden, damit denen geholfen werden kann, die eben nicht haben, was zum Leben nötig ist. Denn das ist ja nicht so sehr eine Frage an Gott – es ist genug für alle da. Es ist eine Frage an uns Menschen und daran, wie gut wir verteilen, was die Erde uns schenkt. Da liegt noch einiges im Argen und wir können nur versuchen, etwas Not zu lindern. Dazu möchte ich noch einmal die Gemeindeglieder zu Wort kommen lassen – da wurde beim Nachdenken über die Frage von Hunger und Not noch gesagt: „Etwas zu teilen, macht einen selber froh. Manchmal fühlt man sich dann selbst als der Beschenkte.“

In diesem Sinne: Nutzen wir den Erntedanksonntag zum Danken und zum Teilen!

Pfarrerin Ulrike Penz

 

Erntedankfest in der Mylauer Kirche